Thomas Feuerstein

CLUBCANNIBAL

Thomas Feuerstein arbeitet mit seinen faszinierenden  Versuchsanordnungen an der Schnittstelle zwischen künstlerischer Ausdrucksmöglichkeit, angewandter Wissenschaft und praktischer Philosophie. In seinen Projekten verschränkt er Erkenntnisse aus Philosophie, Kunstgeschichte und Literatur mit Biotechnologie, Ökonomie und Politik zu einem künstlerischen Narrativ, welches Fragen nach existentiellen Grundparametern und dem Ursprung des Lebens verhandelt.

Ein raumgreifender Organismus verwandelt den Kunstraum Dornbirn in eine begehbare Skulptur. Bis zu zehn Meter hohe Tentakelarme aus Stahlrohren, Schläuchen, Pumpen und Bioreaktoren wachsen zu einem Oktopoden und formieren sich zu einer Fabrik, die in einem mehrstufigen Prozess aus Gestein Fleisch produziert.

CLUBCANNIBAL erzählt über biotechnologische Prozesse eine Geschichte zwischen Science-Fiction und Horror, Utopie und Dystopie.

Die Ausstellung verfolgt die spezifische Nutzung und Reflexion naturwissenschaftlicher Praktiken, um neben der bildnerischen und literarischen Erzählung einen neuen Realismus der Kunst in Form einer prozessualen Poetik in Gang zu setzen.

 

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Thomas Feuerstein

Die Prometheus Protokolle

The crust of erosion is always linked to life.

                                   Wladimir Iwanowitsch Wernadski

 

LEBERKIES

Wir leben auf einer dünnen steinigen Kruste, die wir unsere Heimat nennen. Aber das ist nur die Oberfläche allen Lebens. Das große Ganze fließt im Untergrund und gehorcht anderen Zeitdimensionen als dem menschlichen Augenblick. Was wir als Erde bewohnen, ist die Akne, der Auswurf und das Exkrement tiefer Prozesse.

                  Seitdem die Prometheus-Protokolle geöffnet wurden, sind 28 Jahre vergangen. Der Frühling beginnt mild, und der Schnee auf dreitausend Meter verdichtet sich zu nassem Firn. Das Weiß des Kaukasus wird von dunklem Blau hinterfangen, und das Schmelzwasser bahnt sich senkrecht den Weg durchs Eis. Das Profil der Reifen wühlt sich die Bergstraße hoch. Loses Geröll ist von braunem Schneematsch bedeckt, darunter gibt der Permafrost Halt. In einer Kehre der Serpentine sticht ein steil nach unten führender Weg in den Fels. Die Druckluftbremse keucht, und stotternd rutschen die 25 Tonnen des vierachsigen Kamaz die schmale Piste talwärts. Elis Fröbom sitzt am Steuer. Neben ihr dreht sich Mathias Israelsson eine Zigarette aus den letzten Bröseln Machorka. Er geht die Eintragungen der Prometheus-Protokolle durch. Seine unzähligen Anmerkungen machen die Zeilen fast unleserlich. Den Text kennt er ohnehin auswendig bis auf die Schwärzungen, die der Fantasie Nahrung geben. Koordinaten sind keine vermerkt, umso ausführlicher dagegen die Wegbeschreibung. Die Motorengeräusche setzen seine Rezitationsmaschine in Gang und wie das Plätschern einer Dusche Menschen zum Singen bringt, mischt sich Israelssons Stimme in das Grollen des V8-Diesels.

            „Die Steigung nimmt zu, die Berge schließen sich dichter und dichter um uns, es ist, als sei alle Hoffnung zu Ende. (….) Das wirkt beklemmend auf uns, und wir schweigen überwältigt. Plötzlich, bei einer starken Wegbiegung, öffnet sich zur Rechten eine mächtige Schlucht, und wir sehen ganz nahe vor uns den Eisgipfel des Kasbek mit seinen Gletschern, die in der Sonne weiße Funken sprühen. Da steht er, uns dicht auf den Leib gerückt, still und hoch und stumm. Ein seltsames Gefühl durchzuckt uns, der Berg steht da, wie von den anderen Bergen heraufbeschworen, und sieht uns an wie ein Wesen aus einer anderen Welt.“

            Elis wirft ihm einen fragenden Blick zu. Sie schätzt ihren Kollegen, den alle Fet Mats rufen, doch als Naturwissenschaftlerin liegt ihr mehr an Fakten als an literarischer Fiktion.

            „Das ist eine Notiz aus Knut Hamsuns Märchenland. Es braucht Literatur und Kunst, um Natur zu verstehen.“

            „Fet Mats, was es braucht, ist Information. Überwältige mich oder genieß das Schweigen der Natur.“

            Elis studierte in Lund Biologie, gründete Anfang der 1980er Jahre die Death-Metal-Band Acid Realm und übernahm 1995 Falun Ltd., die Montanfirma ihres Vaters. Als Studentin absolvierte sie im Siljanring, einem alten Meteoritenkrater in Mittelschweden, ein Praktikum und bohrte als Assistentin von Thomas Gold im Granit nach Mikroorganismen. Zu dieser Zeit hörte sie erstmals von den russischen Prometheus-Protokollen und war seitdem besessen von der Idee, den Ursprung des Lebens zu enträtseln. Fet Mats ist Geologe, eigentlich ewiger Student, der seit fünfzehn Jahren sporadisch bei Falun Ltd. arbeitet und sich unentbehrlich gemacht hat. Falun Ltd. besteht im Wesentlichen aus Elis, einigen Praktikantinnen und Fet Mats. Die kleine Firma hat sich einen Namen im Biomining gemacht und entwickelt maßgeschneiderte Prozesstechnik für mikrobielle Erzlaugung. Elis kultiviert in ihrem Labor den weltweit größten Mikrobenzoo chemolithoautotropher Organismen. Tausende Spezies, viele ohne taxonomische Zuordnung, liegen auf Eis oder schwimmen in blubbernden Bioreaktoren. Das Besondere an den Organismen ist, dass sie sich von Metallerzen und Schwefelverbindungen ernähren, die sie aus Gestein lösen. Sie benötigen kein Sonnenlicht oder atmosphärischen Sauerstoff, sind viel älter als jede Pflanzenzelle und markieren den Anfang der Evolution. Ihr einzigartiges Wissen über das Reich der steinalten Bakterien und Archaeen brachte Elis in den Kaukasus. Am Kasbek sollen mikrobielle Proben genommen und eine Expertise für Erzlaugung erstellt werden. Der Auftrag ist im Verhältnis zum Aufwand finanziell wenig attraktiv, doch für Elis ist diese Reise kein normaler Job, vielmehr eine Mission in die Tiefen ihrer Obsession.

            „Siehst du den Felsgrat auf elf Uhr? Hinter der Schneewechte biegst du links ab. Von dort sind es noch hundert Meter bis zum Eingang der Mine.“

            Der Weg ist kaum auszumachen: Geröll, Schnee, dazwischen große Schieferplatten. Bergseitig wird grobkörniger Diorit sichtbar. Von der trachytischen Grundmasse des blauen Porphyrs durchzogen und vom Schmelzwasser glänzend benetzt, schillert die Felswand in allen Farben. Stockförmige Gänge, die in das Massen- und Schiefergestein führen, öffnen den Berg. Vor einer zwanzig Meter hohen Spalte, in der sich schwere Eiszapfen wie Keile in den Fels drängen, stehen die geodätischen Kuppeln zweier Militärzelte. Svenja, Hedda, Agmahd und das fünfköpfige Team von El’Brusskiy empfangen Elis und Fet Mats.

            „Kak dilá!“, ruft El’Brusskiy und schiebt seinen mit Steppdaunen zu einer Kugel aufgeblasenen Körper durch den Reißverschluss des Zelts. „Alles ist vorbereitet. Die Geräte sind zusammengebaut, das Labor ist in Betrieb. Alles ganz neu und vom Besten. Besser als auf der Anforderungsliste, und wir können sofort loslegen.“

            El’Brusskiy ist sichtlich aufgeregt und springt wie eine wabernde Gummimasse in seinen schweren Stiefeln nervös von einem Bein auf das andere, als würde er Kasatschok tanzen. Elis und Fet Mats ist nach der langen Fahrt mehr nach heißem Tee, Wodka und Schlaf. El’Brusskiy steht wie ein kochender Samowar unter Druck, und die Worte schießen wie heißer Dampf aus seinem Mund.

            „Bei uns gibt es das Sprichwort: ‚Der Tag endet erst mit Sonnenaufgang, und unter Tage geht die Sonne nie auf.‘ Wir können gleich einfahren, und wenn wir müde werden, schlafen wir eine Stunde im Bauch des Riesen.“

            Elis wischt sich die kondensierten Worte aus dem Gesicht und deutet El’Brusskiys Jungs, den LKW zu entladen. Mit einem Handkran hieven sie Paletten mit Schläuchen, ein Stromaggregat, Ventilatoren und wuchtige Kolben- und Peristaltikpumpen von der Ladefläche. An Gurten befestigt, schleppen sie die Ausrüstung zum Mund des Stollens, der sie wie das spiegelnde Schwarz am Grund eines Brunnenschachts verschluckt. Elis duldet die Hektik gelassen und versammelt ihr Team im Zelt.

            „Svenja, Hedda, Agmahd, ihr seid das erste Mal dabei. Das ist keine Exkursion und kein akademisches Seminar. Hier gibt es nichts zu diskutieren. Wer in die Tiefe des Lebens vordringt, geht durch die Hölle, und an mir kommt ihr nicht vorbei.“

            Fet Mats lacht verschmitzt. „Sie ist Zerberus. Bissig, aber treu wie ein Bernhardiner.“

            „Ihr glaubt, das Wissen in Büchern und auf Universitäten zu finden und sucht das Leben, die Liebe und Poesie im Theater und auf der Bühne. Das Leben steckt nicht in Worten und Bildern, es steckt in Molekülen. Was wir unter Natur verstehen, ist ein hauchdünner kurzer Film im Phantasmagorium unserer beschränkten Vorstellung. Im Kino unserer Kultur laufen nostalgische Bilder. Die rund 500 Millionen Quadratkilometer Erdoberfläche mit ihren Wiesen, Wäldern und Ozeanen scheinen eine große Leinwand für unsere Naturprojektion. In Relation zu den fünf Milliarden Kubikmetern belebter Erdkruste ist die sichtbare Oberfläche nur ein zähfließender Schaum von Gebirgen und Tälern. Das Leben passiert im Untergrund, im Plutonit des Hades, unter den wenigen Metern irdischer Haut.“

            „Elis ist Romantikerin. Sie liebt das Motiv des Bergwerks als Ausdruck metaphysischer Sehnsucht. Wie Goethe sieht sie im Granit das Höchste und das Tiefste und Hugh MacDiarmid dichtete für sie: ‚All is lithogenesis – or lochia, Carpolite fruit of the forbidden tree.‘ Sie interessiert sich für Literatur in Form von Goethit und Proustit, aber im Grunde ihres Herzens steht sie mit Acid Realm auf der Bühne und singt über menschliche Exzesse.“

            Svenja und Hedda werden ungeduldig. Sie wollen Daten für ihre Masterarbeit sammeln und am liebsten unbekannte Bakterienarten entdecken. Hedda träumt davon, eine ganze Gruppe neuer Spezies aufzuspüren, für die sie sich bereits Namen vergleichbar einer Familienaufstellung ausgedacht hat. Sulforplasma acidarmanus socrus hat sie ihrer ätzenden Mutter zugedacht, Methanosarcina bombulum ihrem an Flatulenz leidenden Bruder. Der Kasbek im Kaukasus steht nicht nur bei Elis im Verdacht, neue Arten chemolithoautotropher Organismen zu beherbergen. Die Gesteinsschichten des alten erloschenen Vulkans werden schleichend von Schwefel und Methan durchzogen und bieten Lebensbedingungen, die sich ansonsten ausschließlich in den unzugänglichen Tiefen des lithosphärischen Mantels finden.

            Svenja, wegen ihres strahlenden Mondgesichts und der strohblonden Boxer Braids von Fet Mats liebevoll Selenit genannt, reicht einen Becher Kaffee, Kekse und russische Eier.

            „Ich hoffe, im Stollen den geheimnisvollen Schlot zu entdecken, von dem die Prometheus-Protokolle berichten. Er wäre die lang gesuchte Transitionsachse direkt in die heiße tiefe Biosphäre der Unterwelt. Für mich ist diese Hölle das Paradies.“

            Agmahd lächelt verlegen. Er stellt sich die Mädchen als schwitzende Gespielinnen des Teufels vor.

            „Fürchtest du nicht die Rute des Beelzebuben?“

            „Agmahd, Beelzebub ist der Herr der Fliegen und ein Fall für die Entomologie. Wir betreiben hier so etwas wie geobiologische ‚Endologie‘. Die endolithischen Organismen stellen die herkömmliche Biologie auf den Kopf. Ohne Sonnenlicht und Fotosynthese beziehen sie ihre Energie aus anorganischen Verbindungen, aus Eisen, Mangan, Uran, Arsen oder Schwefel. Ihr Stoffwechsel produziert Säure, und es wäre nicht verwunderlich, auf Arten zu stoßen, die selbst negative ph-Werte überdauern. Ein gutes Drittel der gesamten Biomasse wird in der Erdkruste vermutet, doch über die Biodiversität ist wenig bekannt. Die Mikroben sind Aliens und gelten unter Astrobiologen als wahrscheinlichste Lebensform auf fremden Planeten. Wir werden also nicht dem Teufel begegnen, sondern mikroskopisch kleinen Außerirdischen.“

            Elis sieht das Funkeln in Svenjas Augen. Die Idee, dass die Götter als Mikroben auf der Erde gelandet sind und das Rätsel des Lebens beherbergen, ist auf die junge Kollegin übergesprungen.

            „Der Kasbek ist eine uralte Druck- und Wunderkammer. An ihm lässt sich studieren, dass geologische Prozesse, die bislang auf chemische Vorgänge zurückgeführt wurden, biologischen Ursprungs sind. Seit viereinhalb Milliarden Jahren laufen Prozesse, die aus dem Kleinsten das Größte, die Gebirge und Atmosphäre, hervorbringen. Stellt euch Mikroben vor, die das biologische Leben begründet haben und noch heute existieren. Sie zum Sprechen zu bringen ist die Passion der Mikrobiologie.“

            Fet Mats schiebt den letzten Keks in den Mund und unterbricht knirschend Elis‘ Redefluss.

            „Vielleicht würden die ewigen Mikroben vom vollkommenen Goldenen, Silbernen und Ehernen Zeitalter erzählen. Bestimmt war Hesiod und alle ihm nachfolgenden Dichter eine Mikrobe, der, anstatt Atome zu Molekülen, kleine Buchstaben zu großen Geschichten synthetisiert hat. Fest steht, alles ist flüssig – unsere Ideen und Geschichten genauso wie der härteste Plutonit. Selbst Granit wird unter Druck durchlässig wie ein Schwamm.“

            Hedda schlüpft in ihren PVC-Schlaz und schüttelt die prallen Brüste in der Enge des Overalls zurecht. Agmahd beißt in ein russisches Ei und lässt seine Augen klebrig über ihren Körper kriechen.

            „Agmahd, ich nehme deine Eier und koche sie. Die Proteine werden denaturiert, ihre dreidimensionale Faltung geht verloren, die Eier werden hart. Im Labor kann ich die Proteine in einer Zentrifuge dehnen, und deine Eier werden wieder ‚entkocht‘. DNA ist äußerst robust und hält viel extremere Bedingungen aus, als du dir vorstellen kannst. Es wurde Leben in zehn Kilometern Tiefe bei über 130 Grad gefunden, und genau dorthin bringe ich dich jetzt.“

            „Sdráßtwujti, sdráßtwujti, die Sonne geht unter Tag. Wir können eingehen.“

           El’Brusskiy steht in voller Montur im Zelteingang und winkt mit dem ganzen Oberkörper zum Aufbruch. Die Jungs warten Papirossi rauchend am Mund des Stollens, wo sich das Schmelzwasser zu einem seichten See staut. Nichts deutet auf eine ehemalige Mine. Kein Abschlag, keine Treibspuren, weder Küvelage noch Leitungen. Aus der alten Ritze kriecht feucht-stickige Erdluft, und von den Wänden trieft schwitzendes Eiswasser. Sie schließen die Reißverschlüsse ihrer Schlaze, zurren die Helme fest und schalten die Stirnlampen ein.

            El’Brusskiy stapft gestikulierend mit Agmahd voraus, und seine Stimme wird mit jedem Schritt dröhnender.

            „Es wird gleich wärmer. Normal nimmt die Temperatur ab der geothermischen Tiefenstufe alle hundert Meter nur um drei Grad zu. Der Kasbek ist ein alter Ofen. Er wird euch gleich einheizen.“

            Nach einigen Minuten erreichen sie eine stickige Kaverne, deren Stöße und First mit Stempeln und Kappen gesichert sind. Aggregat, Grubenlüfter, Pumpen und Schläuche sind installiert. Hinter vermoderten Transportkisten fällt ein schmaler Schacht senkrecht in den Berg ein, und eine Leiter verliert sich in einem schwarzen Loch.

            Fet Mats wirft am Strahl seiner Lampe entlang einen skeptischen Blick in das lange Nichts.       „Fahrt zur Hölle? Die Bergmannssprache weiß, warum sie Leitern Fahrt nennt. Wo liegt die Endteufe, wenn jemand ausrutscht?“

            „Unsere Druck- und Lüftungsschläuche reichen nur dreihundert Meter. Es war seit den 1970er Jahren niemand mehr hier.“

            El’Brusskiy schürzt verlegen die Lippen, die im Schatten der Lampe eine bizarre Fratze zeichnen.

            „Ihr steigt nach unten, nehmt eure Proben, dann trinken wir Wodka und fahren nachhause.“

            Elis drängt sich nach vorne, setzt die feste Sohle auf die erste Sprosse und schiebt sich, an den Schläuchen reibend, in die Tiefe.

            Fet Mats wird nervös und beginnt zu singen.

            „I don’t know why she’s leaving, Or where she’s gonna go, I guess she’s got her reasons, But I just don’t want to know, ‚Cos for many years I’ve been working next to Elis. Elis, where the fuck is Elis.“

            Er schlüpft hinterher, und die Jungs drehen den Grubenlüfter auf volle Leistung. Fet Mats verlässt sich auf seinen 785-nm-Raman-Handspektrometer spezifiziert nach Militärstandard MIL-STD 810G. Konzentrationen von Sauerstoff, Methan oder Schwefeldämpfen werden im Sekundentakt gemessen und bei Gefahr akustisch durch ein Piepsignal angezeigt. Die Höllenfahrt durch den senkrechten Schluff wird immer enger. Die Schläuche und der Fels schrubben an der Beschichtung des Overalls und bringen kurze Obertöne hervor, die im Rhythmus der Bewegung zu einer unheimlichen Melodie interferieren. Nach einer gefühlten Ewigkeit wird es abrupt wärmer. Die Gesteinsmatrix beginnt an der Oberfläche zuerst ledrig, dann glibberig-glitschig zu werden. Wie in Gullivers Reisen, wo der Marmor sich zu Kopfkissen aufweicht, scheint der Stein seinen Aggregatzustand zu verändern. Schließlich entlässt sie der Schacht in eine bauchige, mit schillerndem Sekret überzogene Druse. Schichten kristalliner Mineralien, vorwiegend Markasit und goldglänzende Pyritwürfel, wechseln mit wuchernden Belägen einer gallertartigen Masse. Am schlammigen Boden bilden Greigit und Magnesit flache Inseln. Von der Decke hängen wie Stalaktiten zentimeterdick milchig weiße Fäden. Manche dehnen sich in Zeitlupe und senken sich metertief in den Raum, bis der Tropfen reißt und glucksend von einer schaumigen Pfütze verschluckt wird. Die „snottites“ erregen sofort Elis‘ Interesse.

            „Zieh Handschuhe und Mundschutz an. Wir wollen nichts kontaminieren, und gib mir die großen 250ml-Becher. Biofilme dieser Vielfalt, Dichte und Ausdehnung sind mir noch nie untergekommen.“

            „Lass uns auch Gesteinsproben nehmen. Vor allem schöne Pyritstufen.“

            „Den Leberkies kannst du selbst schleppen. Wir beschränken uns auf Mikroben.“

            Ein seltsamer Geruch macht sich bemerkbar, und Fet Mats kontrolliert sein schweigendes Spektrometer.

            „Riecht nach Cadaverin. Vielleicht ein verirrtes, verunglücktes Tier.“

Erst jetzt bemerken sie, dass der Gestank von den schaumigen Pfützen aufsteigt.

            „Faulender Leberkies. Genau wie in den Prometheus-Protokollen beschrieben. Und ich dachte, die Formulierung sei eine metaphorische Entgleisung geobiologischer Fakten.“

            „Endolithe Mikroben produzieren keine biogenen Amine wie Cadaverin und Putrescin. Eine oxidative Decarboxylierung von Aminosäuren ist hier völlig unmöglich. Hier findet keine Glykolyse statt. Hier gibt es keine Glucose und kein Leichengift.“

            „Blablabla, zum Teufel, hier stinkt es nach Verwesung. Die Flüssigkeit in den Pfützen ist schmierig tranig. Wir nehmen Proben und lassen das Labor entscheiden.“

            Ein kurzes Signal unterbricht das Tropfkonzert. Am Display des Spektrometers tanzen Sonderzeichen, und das Gerät fällt aus. Elis dreht sich ruckartig um und starrt gebannt auf den Boden.

            „Mir hat etwas einen Schlag am Bein verpasst.“

            „Elis, es liegt sicher nur am Stollenwetter. Bewegungen im Berg verursachen Geomagnetismus und Infraschall. Unsere Stirnlappen reagieren darauf, und wir bekommen Wahnvorstellungen. Verdammt, jetzt habe ich auch etwas gespürt. Da war was.“

LEBERPOIESIS

An manchen Abenden ist das Labor ein Ort der Freundschaft. Der Alltag verzieht sich, und die Sehnsüchte bleiben. Wie in einer Destille trennen sich die Ideen von Sorge und Zweifel. Fet Mats öffnet die unterste Lade seines Schreibtischs, holt Gläser und Flaschen hervor, mischt die Flüssigkeiten zu einem zitronengelben Cocktail und gibt Trockeneis hinzu. Mit einem Tablett, auf das der Nebel des Kohlendioxids eine schottische Moorlandschaft zaubert, stellt er sich vor Elis‘ Büro und räuspert sich wie ein englischer Butler. „Nullius in verba“ steht in goldenen Lettern an der Tür. Das Motto der Royal Society nimmt Elis bisweilen zu ernst. „Nach niemandes Worten“ ist nicht allein Gebot ihrer wissenschaftlich-experimentellen Arbeit, auch das soziale Handeln untersteht diesem strengen Imperativ.

            „Elis, wir sind wie die Zwillinge Prometheus und Epimetheus. Du bedenkst alles vorher, bist vorsichtig und schweigsam. Ich rede – und denke nachher. Wir sind Titanen, die sich durch Stollen und Höhlen recken, und für diese Neugier werden wir nicht selten bestraft. Wir wollen verborgene Dinge erkennen, die uns zu Ketzern im akademischen Olymp machen. Es braucht prometheische Wesen wie dich, die das Feuer jeden Tag aufs Neue dem Establishment, den Konzernen, der Politik und dem Wissenschaftsbetrieb entwenden, um das Licht der Vernunft zu entzünden. Es braucht aber auch Poesie, um sich am Feuer zu wärmen, anstatt sich daran zu verbrennen. Im Sinne von Petrarca suchst du die Einsamkeit des Labors, wie einst Prometheus den Kaukasus, um im unermüdlichen Forscherdrang die Rätsel der Welt zu lösen. Hieß der leberzehrende Vogel im Mythos Aithon, haben deine Sorgen und Zweifel viele Namen.“

            „Jeder hat einen Vogel. Wie geht es deiner Zirrhose?“

            „Die Antwort ist das Unglück der Frage.“

            „Deine Flucht in Aphorismen ist bürgerliche Mimikry. Ein findiger Versuch,

in der Sprache zu verschwinden.“

            „Elis, du versteckst dich in deiner Arbeit. So, wie Prometheus sich bei Kafka aus Schmerz immer tiefer in den Stein drückt, bis er mit ihm eins wird, verkapselst du dich im Labor. Du suchst nach dem Ursprung des Lebens, im Wissen nie eine Antwort zu finden. Nach Kant ist das ein leerlaufender Gebrauch der Vernunft. Die Wissenschaft bemüht sich, das Unerklärliche der Welt zu ergründen und kausal auf einen Ursprung zurückzuführen. Der Mythos und die Kunst dagegen erfinden den Ursprung und verwandeln die Welt ins Unerklärliche.“

            Svenja und Hedda klopfen aufgeregt an die halboffene Türe und schwenken zwei Meplatflaschen mit Zellkulturen.

            „Wir haben gerade die Genanalysen der Biofilme vom Kasbek hereinbekommen. Es sind neue Arten dabei. Unsere Masterarbeit wird eine Sensation!“

            „Beruhigt euch, neue Arten könnt ihr auch in meinem Kühlschrank entdecken. Was ist mit der freien DNA im Biofilm – irgendwelche Ergebnisse?“

            „Die ist nicht eindeutig definierbar. Zum Teil menschlich, vielleicht eine Verunreinigung, zum Teil unbekannt und zum Teil ähnlich den Pandoraviren salinus und dulcis.“

            „Mit Pandoraviren hätte ich zuletzt gerechnet. Wenn beim Sequenzieren keine Schlamperei passiert ist, haben wir es mit etwas Neuem zu tun.“

            Agmahd klemmt sich zwischen Türstock und Svenja. Er ist Praktikant für alles und beschäftigt sich bevorzugt mit Hedda.

            „Wer ist Pandora? Wann fängt sie bei uns an?“

            Fet Mats kippt mit einem hastigen Schluck sein Glas und wendet sich in einer Mischung aus Zynismus und väterlicher Fürsorge an Agmahd.

            „Pandora ist im Mythos der alten Griechen die erste Frau. Sie bringt den Männern eine Petrischale mit allen Übeln der Welt. Epimetheus öffnet die Schale, und alle Keime springen heraus, bis auf das Antibiotika.“

            Hedda grinst und setzt herablassend nach.

            „Pandoraviren sind rätselhafte Wesen, die zwischen belebter und unbelebter Natur vermitteln. Bislang wurden erst zwei Arten vor der chilenischen Küste und in einem australischen Süßwassersee gefunden. Sie haben die Größe kleiner Bakterien und besitzen unter den Viren das umfangreichste Genom. Mehr Gene als viele Mikroben und über 90 Prozent davon sind ohne Homologie in Datenbanken. Sie reproduzieren sich gewöhnlich in Amöben und nicht in Bakterien.“

            Fet Mats verschränkt die Arme hinter dem Kopf und genießt den Dialog mit der Jugend.

            „Pandora war das erste künstliche Leben, das von Hephaistos geschaffen wurde, um die Menschen zu bestrafen. Prometheus wollte uns Mängelwesen helfen und stahl den Göttern das Feuer. Er brachte Technologie, Wissenschaft und Zivilisation. Er ist der mythische Begründer unserer Kultur und für Materialisten wie Marx der vornehmste Heilige im philosophischen Kalender. Aus Rache wurde er von Zeus in den Kaukasus verbannt und an den Kasbek gekettet. Und weil der Strafe nicht genug, riss jeden Tag ein Adler ein Stück aus seiner Leber.“

            Der Alkohol tut seine Wirkung, und einer der wenigen Momente öffnet sich, in denen Elis nicht über die Arbeit spricht.

            „Die Leber steht für das Leben und die Zukunft. Mit jedem Schnabelhieb wird die Zukunft geraubt und gleichzeitig neu geboren. Die eigentliche Qual steckt nicht im Verlust, sondern in der Erneuerung, im Wachstum, im Leben. Das ist das Dilemma, das sich aus der Leber in unsere Herzen verschoben hat. Die prometheische Technologie zerreißt uns zwischen Rettung und Ausrottung. Die Wissenschaft laboriert an Pandoras Erbe. In den Prometheus-Protokollen findet sich die Anmerkung eines deutschen Kulturwissenschaftlers, die sich in meine Erinnerung eingebrannt hat: Die Übel sind automatoi, sprich selbsttätig und schweigend. Zeus hat ihnen die Stimme genommen. Hätten sie eine Stimme, wären sie verhandelbar, und Hoffnung wäre keine Illusion. Meine Hoffnung ist, die Pandoraviren zum Sprechen zu bringen.“

            Fet Mats gießt sich Ethanol aus einer Desinfektionsflasche in sein Glas und schaut verlegen zu Elis.

            „Da wäre noch die Sache mit dem Leberkies. Ich habe ihn in den Ultraschallreiniger gelegt, um ihn vom Schleim zu säubern. Das Nirostabecken ist hinüber, völlig korrodiert. Aber dem Schleim geht es prächtig.“

LEBERSCHAU

Zwei Wochen später herrscht Hektik im Labor. Falun Ltd. hat zur Freude von Agmahd zwei hungrige Biologinnen eingestellt. Alle verfügbaren Bioreaktoren sind in Betrieb. Kulturflaschen stapeln sich in den Brutschränken, und der neu angeschaffte PCR-Thermocycler für Genanalysen läuft rund um die Uhr. Elis hat eine Hypothek auf das Haus ihres Vaters aufgenommen und das Labor auf den neuesten Stand gebracht. Selbst der Keller wurde ausgeräumt und mit Technik bestückt.

            Das größte Rätsel geben die Pandoraviren auf. Die DNA-Fäden haben keinen Anfang und kein Ende. Sie docken an das Genom von Mikroben an und brechen an anderer Stelle unversehens auseinander. In der viskosen Suppe schwimmen Proteine und DNA-Sequenzen höherer Arten, selbst vom Menschen. Eine Verunreinigung bei der Probenahme ist auszuschließen, da sich unzählige Gene zeigen, die von Arten stammen, die weder im Kaukasus heimisch sind noch im Labor lagern. Elis fragt sich, welcher Ordnung das Chaos gehorcht. Codieren die Gene den Biofilm, oder sind sie Werkzeug einer verborgenen Macht?

            In den Prometheus-Protokollen, die 1930 von Iwan Alexejewitsch Dwigubski, dem Rektor der Lomonossow-Universität in Moskau, zusammengestellt und an das Ministerium für Bergbau sowie an Alexei Iwanowitsch Rykow, den Vorsitzenden des Rates der Volkskommissare, am 24. November desselben Jahres überstellt wurden, findet sich eine bemerkenswerte Passage. Obgleich Namen und Orte geschwärzt sind, wird eine unbekannte Lebensform beschrieben, die sich allen biologischen Kriterien entzieht. Sie ist keiner Familie, Ordnung oder Klasse zuschreibbar. Selbst Stamm, Reich und Domäne bleiben undefiniert. Der Beschluss des Rates für Arbeit und Verteidigung der UdSSR vom 19. Dezember 1930 beurteilte die Protokolle als „konterrevolutionäre Sabotage- und Schädlingstätigkeit“ und stellte sie unter Verschluss. Aus unbekannten Gründen wurde am selben Tag Rykow seiner Funktion als Vorsitzender entbunden, später aus dem Politbüro ausgeschlossen und im Zuge der stalinschen Säuberungen 1938 in der Moskauer Lubjanka exekutiert. Erst Ende der 1980er Jahre wurde durch Zufall eine Kopie der Protokolle in den Archiven der Lomonossow-Universität wiederentdeckt und vom Anglistik-Studenten Wassili Agapow übersetzt und kommentiert. Die Protokolle lesen sich über weite Strecken wie ein romantischer Reisebericht, unterbrochen von Statistiken, Bodendaten und detaillierten Skizzen. Sie dokumentieren die Expedition einer Gruppe von Geologen aus Leningrad und Moskau unter der Führung von Wladimir Iwanowitsch Wernadski in den Kaukasus, um ausbeutbare Bodenschätze für die sowjetische Industrie aufzuspüren. Am Kasbek fanden sie an der Nordostflanke acht Felsspalten, die in einer gemeinsamen Kammer im Inneren des Berges münden. Die „Oktopus“ genannte Kammer wird als wundersame Mineralader wortreich geschildert. Unter Mikrobiologen findet insbesondere die frühe morphologische Beschreibung von Biofilmen Beachtung. Ungeklärt ist bis heute hingegen die Echtheit der Protokolle. In Fachkreisen als literarische Erfindung Agapows abgetan, kursieren sie unter Verschwörungstheoretikern als Heiliger Gral. Elis‘ Aufmerksamkeit hat eine Tuscheskizze erregt. Sie zeigt ein in Eisenvitriol schwimmendes Bakterium mit der kryptischen Anmerkung: Dieses Bakterium ernährt sich von Elektrizität. Das widerspricht dem biologischen Wissensstand damaliger Zeit fundamental. Für Elis handelt es sich um die erste Beschreibung von Acidithiobacillus ferrooxidans, ein Bakterium, das Eisen und Schwefel oxidiert und bevorzugt Leberkies als Nahrungsquelle nutzt. Erst seit kurzem weiß man von seiner Möglichkeit, Energie direkt von Elektroden zu beziehen. Dass ein Anglistik-Student Ende der 1980er Jahre Acidithiobacillus ferrooxidans mit Elektrolithoautotrophie in Verbindung bringt, ist ausgeschlossen und stärkt in Elis das Vertrauen in die Echtheit der Protokolle.

      Aus dem Keller tönt das monotone Surren der Druckreaktoren, in denen Medien mit hoher Zelldichte kultiviert werden. Svenja und Hedda impfen in ihren Versuchsreihen die emaillierten Stahlbäuche mit unterschiedlichen molekularen Verbindungen und messen die Stoffwechselaktivität. Die Ergebnisse zeigen geringe Varianz, bis auf einen Reaktor, in dem Agmahd eine Probe aus dem Kasbek mit Gewebe von Fet Mats‘ letzter Leberbiopsie vertauscht hat. Hinter dem verschmierten Sichtfenster wickelt sich ein gallertiger Klumpen um das sich langsam drehende Rührwerk. Anfänglich über die Schlamperei wenig erfreut, ordnet Elis die Untersuchung zur plötzlichen Änderung des Aggregatzustands an.

            „Pandoraviren sind nicht humanpathogen und keine Bakteriophagen. Es ist undenkbar, dass sie sich in Leberzellen oder Bakterien replizieren.“

            Svenja öffnet am Monitor ein Fenster mit dem Livebild des Mikroskops.

            „Es ist anders. Die kleinen steinfressenden Bakterien umfließen die großen Leberzellen und integrieren sie als Kern. Die Pandoraviren nutzen die Zellkerne zur Transkription und füllen das Plasma mit endlos scheinenden Fäden von Nukleinsäuren. Vielleicht erklärt das die hochviskose Verkettung zu einer Gallerte. Das scheint eine neue lithotrophe Lebensform zu sein. Ein Hybrid aus Mensch und Biofilm?“

            Fet Mats lacht.

            „Meine Leber hat viel zu erzählen, aber wer hätte gedacht, dass sie einmal Geschichte schreibt! Das schleimige Ding gehört uns, und wir werden es patentieren. Keiner schreibt ein Paper, niemand reicht eine Masterarbeit ein. Wir haben einen neuen Organismus gezüchtet, der die globale Ökonomie von Petrochemie auf Petrobiologie umstellt. Wir werden nicht länger Sklaven der Sonne sein. Wir werden keine Pflanzen und Tiere für unsere Ernährung benötigen. Wir können uns unbegrenzt aus dem Gestein der Erde ernähren und in Zukunft alle Planeten des Sonnensystems aufessen.“

            Elis‘ Mimik erstarrt. Ihre Haut färbt sich marmorn, und ihr Kopf senkt sich wie der Marias bei Michelangelos Pietà. Sie blättert in einer Mappe loser Papiere und liest leise eine Passage aus den Prometheus-Protokollen.

            „28. Juli 1928. Heute haben wir einen alten Ziegenhirten getroffen. Er warnte uns, höher aufzusteigen. Nicht des Wetters wegen, sondern Amirans, des georgischen Prometheus wegen. Wir lachten, und der Hirte überreichte uns voller Demut ein zerfleddertes Büchlein. Am Abend lasen wir darin, und unser Lachen verstummte.“

            „Seit wann interessierst du dich für Märchen?“, lästert Fet Mats.

            Elis fährt fort.

            „Das Büchlein ist ein Schatz, eine seltene Inkunabel und vermutlich vorchristlichen Ursprungs. In Altgriechisch verfasst, erzählt es vom vierfachen Prometheus. Der erste Prometheus schafft den Menschen den Göttern gleich. Der zweite schenkt den Menschen Feuer, Technologie und Kultur. Der dritte hilft den Menschen, die Götter zu übertreffen und selbst Leben zu schaffen. Der vierte lehrt die Menschen, die alten Götter zu ermorden. Mit den Göttern verschwindet die Natur, und die Menschen sind alleine mit sich selbst. Das ist das Vermächtnis des Prometheus. Dem Mythos nach schlummert die Erfüllung der Bestimmung dreißigtausend Jahre im Fels des Kasbek, bis sie der Herrschaft von Zeus ein Ende bereitet. Wer die Vorsehung erfüllt, verbrennt die Welt.“

            Fet Mats ist das Lachen nicht vergangen. Er freut sich über die entdeckte Liebe zur Literatur und muntert Elis auf.

            „Endlich denkst du nicht rational mit dem Hirn. Endlich redest du frei von der Leber weg. Die Poesie wird uns alle retten. Aber zuvor machen wir ordentlich Kies, zahlen unsere Schulden und leben unsere Träume.

            Elis liest mit dünner Stimme den letzten Satz aus dem Büchlein des Hirten.

            „Wenn die Leberoberfläche ihrem Umfange nach die Weltblase umschließt und die untere Spitze über sie fällt und die Blase hinter die Oberfläche fällt und dort festsitzt, so ist das ein Omen, dem nach der vierte und letzte Lappen seinen Schatten über das Land ausbreitet und die Welt erobert.“

LEBERPLASMA

Zwei Jahre später. Das Labor in Lund ist geschlossen. Svenja und Hedda haben ihr Biologiestudium mit dem Master abgeschlossen. Svenja verdient ihr Geld als freie Wissenschaftspublizistin, und Hedda hat in Brasilien ein Restaurant eröffnet. Agmahd arbeitet in ihrer Küche. Elis und Fet Mats gelten, seitdem eine gecharterte Cessna nördlich von Kiruna über dem Baltischen Schild vom Radar verschwand, als vermisst. Fet Mats‘ Leber ist weltberühmt. Seine von den Bakterien verschluckten Hepa-Zellen begründen eine neue Kultur. Hunderte Startups, Pharma-Multis und Chemiekonzerne modifizieren den Organismus, entwickeln Werkstoffe, Nahrungsmittel und produzieren vor allem Energie. Sie nutzen zum einen eine invertierte Form der Elektrolithoautotrophie, indem sie elektrische Energie direkt ernten, und zum anderen beuten sie die vom Organismus aus Gestein gewonnene Biomasse aus, indem Glykogen in Fette und Zucker gewandelt wird. Alkohol und Erdölersatzprodukte werden nicht allein in Fässern gelagert, sondern gleich in Fässern hergestellt – und das unbeschränkt und mit ständig fallenden Kosten.

            El’Brusskiy hat zehn Kilo zugenommen und ist Russlands Minister für natürliche Ressourcen und Ökologie. Nachdem er den Organismus – er taufte ihn Oktoplasma – als seine Entdeckung ausgab und als sein Geschenk an die Welt postulierte, gilt er als neuer Stachanow. An der Seite des Präsidenten preist er mit seinem goldenen Schneidezahn die Verheißungen der oktoplastischen Biotechnologie.

            „Russland ist nicht länger ein Agrarstaat. Die Deutschen haben Industrie 4.0, wir haben Natur 4.0. Wir werden uns von den tyrannischen Ansprüchen der Pflanzen und Tiere vollständig befreien. Die irdische Fauna und Flora wird den Fortschritt nicht länger behindern. In Zukunft werden wir kein Brot aus Getreide mehr essen. Unser Fleisch wird sich mit dem Fels verbinden, und wir werden eine neue Gesellschaft erschaffen. Das ist die carnale Revolution. Alles ist Fleisch!“

            Linke Theorie wusste immer schon, die tiefgreifendsten Techniken sind diejenigen, die verschwinden. Sie verwachsen mit dem Gewebe des Alltagslebens, bis sie von diesem nicht mehr zu unterscheiden sind. Aber die linke Theorie war aufgefressen, und carnale Ideologen haben jetzt das Sagen. El’Brusskiy hat alte Bergwerke und Raffinerien aufgekauft und zu sprudelnden Quellen von Energie und Nahrung gemacht. Er ist steinreich und vermarktet die Produkte unter dutzenden Namen.

            „Die gesundheitlichen Vorteile des kontrolliert hergestellten Fleisches sind immens: keine fäkalen Verunreinigungen, keine Antibiotika, keine Stresshormone. Wir produzieren Brot, Eiweiß, Zucker, Fett, Seide und Leder ohne Tiere und Pflanzen. Die zelluläre Ökonomie schafft ungeahnten Wohlstand für alle. Hunger und Armut sind Wörter, die wir bald vergessen haben. Der Busen des Kasbek nährt alle Russen. Die Erde ist unsere Amme, aus deren Drüsen Milch und Honig fließen.“

            Während in Russland unter dem Wahlspruch der carnalen Revolution der Körper des Volkes auf eine eherne Einheit eingeschworen wird, beginnen Firmen in Europa und den USA den Organismus aus dem Kasbek zu individualisieren. Angeregt von Svenjas Masterarbeit „Autophagocytosis and Speculative Corps“, wird Fet Mats‘ DNA durch personalisierte ersetzt, um kundenspezifische Produkte zu züchten. Svenja spekuliert im Kapitel „Beyond eater and eaten“ über Möglichkeiten einer ethisch korrekten Ernährung. Das Vegane von heute ist demnach die Fleischeslust des Gestern. Anstatt sich an fremdem Leben zu laben, wird das biotechnische Szenario prolongiert, jeder solle aus seinen eigenen Körperzellen seinen Unterhalt bestreiten, ohne Tiere und Pflanzen zu missbrauchen. Anfangs war das Einschleusen personalisierter DNA von erheblichem Aufwand, mittlerweile ist es Routine. In einem viel beachteten und medial diskutierten Vortrag am Karolinska-Institut spricht Svenja über das Ende des Post- und Transhumanismus und vom Beginn des Endohumanismus, der mit jeglicher Ausbeutung von Leben Schluss macht.

            „Aquaponik, Gemüse am Balkon, Pilze im Keller. Das ist verlogen. Ob wir einen Schweinskopf oder einen Salatkopf essen, macht keinen Unterschied. Unsere Moral, Arten hierarchisch zu gewichten, ist willkürlich. Das Leben kennt keine ethischen Grenzen. Das Recht, über Leben zu bestimmen, endet in uns, im individuellen Leib. Die Autorschaft, der Besitz und das Copyright reichen nur bis zum Genom unseres Körpers und kein Protein darüber hinaus. Die einzige Alternative zur Vertilgung fremden Lebens besteht in der Kultivierung körpereigener Zellen. Die biotechnologische Möglichkeit, uns selbst genetisch in den Organismus zu translozieren, schafft für das Individuum die Verantwortung, sich mittels Chemolithoautotrophie anorganisch zu ernähren. Die anthropozentrische Wende findet nicht als Parlament der Tiere, sondern als Kühlschrank in uns statt.“

            Die Technologie des Oktoplasmas wird unentwegt verfeinert und ausdifferenziert. Das Oktoplasma sorgt für Verbrauchsgüter wie Nahrung und Medikamente, aber auch für Baustoffe, Textilien, Kunststoffe, chemische Produkte sowie unterschiedlichste Roh-, Hilfs- und Betriebsstoffe. Und vor allem stellt es unbeschränkt Energie zur Verfügung. Die zelluläre Ökonomie macht den Faktor Mensch zur unbeschränkten Ressource. Die Menschheit beutet nicht länger die Natur aus, sie entdeckt die Wiesen, Felder und Ozeane im Vermögen ihres eigenen Fleisches.

            In Anbiederung an kirchennahe Kreise beschwört El’Brusskiy die Auferstehung des Christentums aus dem Geist der Kommunion.

            „Kostbarer Leib und kostbares Blut unseres Herrn Jesus Christus. Oktoplasma, du bist die Hostie, die uns vom wiederauferstandenen Prometheus, dem ersten Messias, geschenkt wurde. Du verwandelst Gestein wie einst Brot und Wein in Fleisch und Blut. Hoc est corpum meum. Wer daran zweifelt, ist nicht nur ein Konterrevolutionär, er ist auch ein Ketzer. Mit Johannes sage ich euch: Werdet ihr nicht essen das Fleische des Menschen Sohns und trinken sein Blut, so habt ihr kein Leben in euch.“

            El’Brusskiys Strategie, sich auf Gott als beste aller Marken zu berufen und das Oktoplasma als Theophagie zu verkaufen, fruchtet. Selbst der islamische Markt wird vom neuen Manna im Sturm genommen. Die Tradition des altarabischen paganen Steinkults aufrufend, wird das Oktoplasma zum Vermächtnis der Kaaba. Auf Al Jazeera verkünden Imame das Paradies Dschanna und verschmelzen den Engel Dschabrail synkretistisch mit Prometheus.

            „Amaanati addaituha wa mithaadschi ta-a’hhadtuhu. Die Steinwüsten werden erblühen und zum Leib aller Moslems werden. Der vom Himmel gefallene Samen Dschabrails wird die auserwählten Söhne Abrahams ewig nähren. Wer auf ihn vertraut, wird nicht zuschanden werden.“

            Unter anderem Vorzeichen finden in Paris, New York, Berkeley und Rom von Tierschützern und Ökofeministinnen organisierte Demonstrationen statt. Sie fordern das gesetzliche Verbot tierischer und pflanzlicher Lebensmittel und die totale Autarkie des emanzipierten Bürgers. Der Kapitalismus wird auf Transparenten zu Grabe getragen und die Autophagie ausgerufen. Man traut keinem Politiker, keiner Ideologie, keiner Idee von Gesellschaft, man traut und isst nur sich selbst. Ging in der alten Demokratie die Macht vom Volk, geht sie in der Autophagie vom Körper des Individuums aus. Der postdemokratische Zustand, wo niemand zur Wahl geht, mündet in einer radikalen Autokratie, in der jeder sich selbst wählt, regiert und verwertet. Ihr politisches Programm beruft sich auf Thoreaus Walden und Michel de Montaignes Des Cannibales. Sie verlangen die Abschaffung des fremdbestimmten Konsums durch verpflichtenden Selbstverzehr und drängen auf die Umstellung von Ökonomie auf Autonomie. Nur so sei dem Klimawandel, der Umweltverschmutzung und der Ressourcenvergeudung beizukommen.

            Wenige Intellektuelle erheben heiser ihre kritische Stimme und warnen vor dem Verzehr menschlicher Viktualien. Wenn der Körper in Gefahr ist, ist es auch die Welt. Sie mahnen historisches Bewusstsein ein und erinnern an Seife aus Judenfett oder an die Schandtaten der Gräfin Elisabeth de Báthory, die 600 Mädchen in der Eisernen Jungfrau entsaften ließ. Sie verurteilen das Oktoplasma als globalen Kannibalismus und bezeichnen die Option, sein eigenes Fleisch und Blut im Organismus zu züchten, als kulinarische Onanie.

            In Künstlerkreisen verebbt das Geplänkel rasch. Nach kurzer moralischer Entrüstung gibt es ein letztes Aufbäumen der Avantgarde. Der geschundene Leib des Künstlers war immer schon der Selbstzerfleischung preisgegeben. Mit Zitaten wie: Jedes Genie ist ein Menschenfresser, in der Kunst geht alle Macht vom Fleische aus, der Schriftsteller verleibt sich seine Vorgänger ein, werden Stockhausen, Hrdlicka oder Musil ins Treffen geführt. Das war’s.

LEBERMAL

In São Paulo erfreut sich der „Club Society for Cutting up Men“ großer Beliebtheit. Hedda und Agmahd sind der Treffpunkt der Movimento Antropófago. Ihre Speisekarte versammelt die erlesene Haute cuisine anthrophagique.

            „Olá, was darf ich bringen? Wir servieren diese Woche Gerichte des kannibalischen Äquatorialgürtels. Als Vorspeise empfehle ich Lambal, Carpaccio vom Schenkel mit Soße aus Chilipfeffer und Salzkörnern, danach Boto-walai, im Erdofen gebackene Brust. Falls es deftiger sein darf, haben wir Klassiker wie Hannoveraner Würste nach Rezept von Fritz Haarmann oder griechische Lykaon-Suppe mit Leberspätzle.“

            Hedda stolziert wie auf einem Catwalk Richtung Küche, aus der Shredded Humans von Cannibal Corpse in die Schwüle des Lokals dröhnt. Hinter dem Bartresen aus Menschenknochen reiht sich flaschenweise Aithon, eine hochprozentige Spirituose, destilliert aus Fet Mats‘ fermentierter Leber. Sie wird on the rocks auf eisgekühlten Pyritwürfeln getrunken und fließt in Strömen. Die Stimmung ist trotz des frühen Abends aufgeheizt und immer mehr Anthropophagen drängen in den Club. Auf der Bühne stapeln sich Basslautsprecher bis unter die Decke, und ein mit Menschenhaut bespanntes Schlagzeug türmt sich zu einer Skulptur. Svenja, die für einen Vortrag in Brasilien weilt, greift sich das Mikrophon und begrüßt die Gäste. Sie trägt ein T-Shirt mit dem Symbol der Man-Eater-Bewegung und eine Goldkette mit einem handtellergroßen Ouroboros.

            „Ihr Zombies der Nacht, vernehmt die Stimme aus der boca-de-inferno. Entscheidet euch zwischen Autophagie und Bulimie. Verschlingt die Welt oder spuckt sie aus. Fresst eure Gehirne und werdet zu Mäeutikern für die Geburt der Philosophie aus dem Geist des Kannibalismus. Vergesst eure Namen. Ihr seid keine Poststrukturalisten, ihr seid Ontologen, objektorientierte Materialisten, die das Bewusstsein zum Absturz bringen und das Sein als tiefe heiße Biosphäre in der eigenen Suppe kochen. Lasst die Eingeweide brennen. Esst eure Augen und Ohren, es braucht keine Wahrnehmung. Esst eure Arme und Beine, es bedarf keines Fortschritts. Außerhalb eures Selbst existiert nichts. Es gibt keinen Ort, an den ihr flüchten könnt. Ihr kreist in und um euch selbst und bildet den Kreis als vollkommenste aller Formen. Ihr seid Ouroboros! Vernehmt die Botschaft meiner vom Himmel gefallenen Herrin.“

            Die Menge vibriert, und das Drumset schiebt eine tosende Welle in den Raum, die sich an Wänden und Decke bricht, bis sie die hungrige Meute in ihrer Gischt verschlingt. Eine tiefe Frauenstimme schleudert wie ein Katapult Lyrikfetzen von der Bühne.

            „Recycle your brain – eat it, eat it!

            Recycle your intestine – feed it, feed it!“

            Die Band besteht aus einer Frau in einem Kleid aus Kabeln, Steckern und Reglern, die wie Tentakeln über die Bühne kriechen. Ihr Körper ist ein einziges Interface zur Generierung von Feedbackschleifen. Sie singt vom Feuerraub des Prometheus und seiner Rache als Luzifer. Die Songs erzählen von der Selbstaufzehrung, die den Menschen so lange aushöhlt, bis er als ätzende Säure Löcher in die Erde frisst und in ihr versiegt.

            „Deep, hot and wet, it’s no reason to be sad.

            Born in stone, the heart of marble is your home.

            Find the hollowness in you – beat it, beat it!

            Swallowed by narrowness – breed it, breed it!“

            Sie weiß um das Vermächtnis des Oktoplasmas, das alles Leben infiziert und versteinert. Der Organismus wird sich nicht damit begnügen, den Menschen zu nähren. Er wird von ihm Besitz ergreifen und alles Leben, Tiere und Pflanzen, in die Unterwelt ziehen und verschlingen.

            „Liverty, liverty, deliverance is soon.

            Liverty, liverty, delivery of doom!“

            Die Prophezeiung hat sich erfüllt. Das Schicksal des Menschen endet in der Geburt des letzten Titanen, mächtiger und tiefer als der Tag gedacht. Die Erde reist als sich selbst verdauende Maschine auf der Suche nach dem Grab der Götter durch das Dunkel des Raums bis ans Ende der Zeit.

            „Shatter, shatter, gall of bladder.

            My name is Hepa-Thetis.

            Come in my arms and knock me up.

            I’m your prophecy, your octopussy.

            I’m your destiny, your ignominy.“

                       Die Feedbackschleifen verstummen. Das Schlagzeug schweigt bis auf den Rhythmus der Snare Drum. Die schwarzen Tentakeln des Kleides umschlingen die Sängerin, und aus den Saugnäpfen dringt schmierige Säure. Von der Maschinerie verschluckt, füllen die letzten Worte wie Fürze den Raum.

            „Wir denken, der schrecklichste Dämon sei der Dämon des Nichtwissens. Aber je mehr wir über ein Objekt wissen, desto fremder und dämonischer wird es. Im Moment, wo der Mensch alles weiß, löst er sich auf. Wie Beethoven, der taub die schönsten Symphonien schrieb, erblüht der Mensch in der Kunst im Augenblick seines Verschwindens. Der Tiefenhorror unserer Existenz liegt im Vorher des Nachher, im Wissen, unser Schicksal selbst zu bestimmen, ohne es zu vermögen.“

 

 

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Thomas Feuerstein und Thomas Häusle im Gespräch

Vermittlung

Kunstheft Thomas Feuerstein CLUBCANNIBAL
Thomas Feuerstein
CLUBCANNIBAL

Das Kunstheft wurde für den Unterricht konzipiert, steht aber allen Besuchern/Besucherinnen zur Verfügung.
Es bietet Informationen, Anregungen und Ideen zum Verständnis des Kunstwerkes.