Michail Pirgelis

HYLE

Press Preview                         
Mittwoch, 1. Juli 2026, 10:30 Uhr

Eröffnung
Donnerstag, 2. Juli 2026, 19 Uhr

Künstlergespräch
Freitag, 3. Juli 2026, 14 Uhr

Reiseziel Museum
Sonntag, 5. Juli und 2. August, 10-17 Uhr

After-Work-Tour
Donnerstag, 30. Juli und 24. September 2026, jeweils um 18 Uhr

Ausstellungsdauer           
3. Juli – 8. November 2026
Di – So, 10-18 Uhr

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Der Kunstraum Dornbirn präsentiert mit HYLE die erste institutionelle Einzelausstellung von Michail Pirgelis in Österreich. Für die historische Montagehalle entwickelt der 1976 in Essen geborene, in Griechenland aufgewachsene und in Köln lebende Künstler eine raumgreifende Installation: Erstmalig werden monumentale Werke mit Bezug auf die besonderen räumlichen Bedingungen des Ortes gemeinsam präsentiert, was zugleich als Statement zum Skulpturbegriff gelesen werden kann. HYLE stellt die Frage nach dem Wesen der Skulptur ins Zentrum – nach Material, Form und dem Prozess ihrer Verschmelzung.

Hyle (ὕλη) – das griechische Wort für Materie und Rohstoff – bezeichnet die noch ungestaltete, formlose Masse. Bei Aristoteles entfaltet der Begriff seine philosophische Tiefe: Hyle ist stets gedacht in Relation zu morphe (μορφή) – Gestalt, Form, Erscheinung – Materie und Form bedingen einander, keine existiert ohne die andere. Erst in diesem Verhältnis wird hyle zum Prinzip der Formwerdung, zum Potenzial, das auf Gestaltung wartet. Für Pirgelis ist das kein abstraktes Konstrukt, sondern eine präzise Beschreibung seiner eigenen Praxis und ihres konzeptuellen Kerns.

Seit mehr als zwanzig Jahren entnimmt der Künstler ausrangierten Passagierflugzeugen Material wie Fensterreihen, Außenwände oder Bodenplatten, die er überwiegend auf Flugzeugfriedhöfen in der Mojave-Wüste Kaliforniens auswählt und in seinem Kölner Atelier weiterbearbeitet. Jedes Werk beginnt mit dem Readymade-Gestus – ein industriell gefertigtes, authentisches Teil wird in den Kunstkontext überführt –, überschreitet ihn aber im Produktionsprozess entscheidend. Durch Abtragen, Schleifen, Polieren und gezielte Fragmentierung wird das Material so weit von seiner ursprünglichen Funktion entfernt, dass seine Lesbarkeit als Gebrauchsobjekt nurmehr eine marginale Rolle spielt: Was entsteht, ist eine Abstraktion, die nicht konstruiert, sondern freigelegt wird.

„Mein Interesse gilt Materialien aus der Luftfahrt, aber eigentlich ist es vor allem die Suche nach authentischen Stoffen, die eine besondere Historie aufweisen, die mich antreibt. Es ist nicht mein Anliegen, den technischen Fortschritt zu kennzeichnen oder zu enthüllen. Vielmehr interessiert mich, den Zweck des Materials zu entfremden und auf eine andere Realität hinzuweisen.“ [1] – Michail Pirgelis

In dieser materialbasierten Praxis schreiben sich vielschichtige kunsthistorische Referenzen ein: Die Skulpturen reaktivieren neben den Mechanismen des Readymade auch Konventionen des Minimalismus und des Postminimalismus – und hinterfragen sie zugleich. In Material und Form verweisen sie auf minimalistische Skulptur, doch wo diese auf Kontrolle, Homogenität und die Tilgung jeder Handschrift zielt, arbeitet Pirgelis gegen diesen Impuls. Oberflächen bleiben bewusst unvollkommen; Kratzer erzeugen grafische Elemente, verbliebene Farbspuren lassen gestische Qualitäten aufscheinen – Spuren eines Abstrakten Expressionismus, der hier nicht Ausdruck von Subjektivität ist, sondern von Gebrauch und Zeit. Das Material steht an der Schwelle zwischen Objekt und Nicht-Objekt: vertraut in seiner Materialität, fremd in seiner Bedeutung, nicht mehr benennbar in seiner Form.

Eine eigene Dimension erschließt sich über die Titelgebung. China Girl, No Dancing in the Aisles, Desert Star, LOST oder Motor Guide – die Namen der Werke zitieren Popkultur, Gebrauchssprache und kollektives Bildgedächtnis, bisweilen mit einem ironischen Unterton. China Girl – zunächst ein Song, den David Bowie 1983 weltberühmt machte, zugleich der Beiname eines Virgin-Atlantic-Airbus, der eines Tages auf einem Flugzeugfriedhof landete. Das Material und sein Titel berühren sich, ohne einander zu erklären – eine Schicht, die sich nur dem erschließt, der sie sucht. Die Titel fixieren Bedeutung nicht, sondern halten sie in der Schwebe.

Die in Dornbirn ausgestellten Arbeiten machen diese Vielschichtigkeit formal sichtbar. Ein Motiv zieht sich durch die Ausstellung: Die runde, halbrunde, gewölbte Form – Variationen eines Querschnitts, den das Flugzeug vorgibt und den Pirgelis in unterschiedliche formale Register überführt. ECHO (2022, 308 × 490 × 290 cm) und UNIVRS (2012/2018, 305 × 556 × 62 cm) sind monumentale Bögen: ECHO besetzt den Raum als dreidimensionales Volumen, das Innen und Außen definiert; UNIVRS dehnt die Form in die Horizontale – ausgreifend, eine Geste des Überspannens. Memory Games (2017, 414 × 395 × 120 cm) und LOST (2022, 338 × 338 × 80 cm) setzen dem auf unterschiedliche Weise die Geschlossenheit der Rundform entgegen: keine Öffnung, kein Durchgang – die Form kehrt in sich zurück. Den großformatigen, horizontal ausgerichteten Arbeiten wie Desert Star I und II (beide 2022) kommt eine komplementäre Rolle zu. Sie setzen der runden Bewegung die Ruhe gleichformatiger Paneele entgegen – eine serielle Logik, die auf monochrome Bildfelder verweist.

Die Positionierung der Skulpturen in der Montagehalle macht diese Vielschichtigkeit räumlich erfahrbar — und verbindet die Materialgeschichte der Werke mit der Industriegeschichte des Hauses. Beide erzählen von Nutzung, Abnutzung und Transformation. Doch hyle meint mehr als Rohstoff – es meint Potenzial, den Zustand des Noch-nicht-Entschiedenen. Pirgelis’ Skulpturen verlassen diesen Zustand nie vollständig: Sie sind geformt, aber nicht abgeschlossen; lesbar, aber nicht benennbar. HYLE als Ausstellungstitel ist daher kein Rückblick auf das Ausgangsmaterial, sondern eine Zustandsbeschreibung, die bis in die Rezeption reicht – das Werk bleibt in Bewegung, solange es betrachtet wird.

 

[1] „Im Gespräch“, in: „David Ostrowski Michail Pirgelis. To lose“, Ausst.-Kat, Leopold-Hoesch-Museum & Papiermuseum Düren, hrsg. von Renate Goldmann,  Köln: Verlag der Buchhandlung Walther König, 2016,  S. 130.

Michail Pirgelis wurde 1976 in Essen geboren, wuchs in Griechenland auf und lebt und arbeitet in Köln. Seine Arbeiten wurden in zahlreichen weiteren Einzelausstellungen gezeigt, wie im Kunstraum München (2026), in der Fuhrwerkswaage, Köln, und Odyssey, Köln (beide 2022), Braunsfelder, Köln (2019, mit Ruth Wolf-Rehfeldt), Leopold-Hoesch-Museum, Düren (2016, mit David Ostrowski), Autocenter Berlin (2015) und Artothek, Köln (2011). Ausgewählte Gruppenausstellungen sind u. a. Haus N, Athen und Cloud Seven, Brüssel (beide 2026), Wilhelm Hallen, Berlin (2022), byvier, Köln (2021), Ludwig Forum, Aachen, und Gewölbe, Köln (beide 2020); DuMont Kunsthalle, Köln, Kunsthalle Nürnberg, Haus N, Athen, und Riot, Gent (alle 2019); Sculpture in the City, London (2018–19), Athens Biennale, Kunstverein Reutlingen und Marta Herford (alle 2018); Rubell Family Collection, Miami (2015), Istanbul Modern (2014), Bundeskunsthalle Bonn (2013), Museum Morsbroich, Leverkusen (2012), Thessaloniki Biennale (2011), Kunstmuseum Bonn (2010) und Stadtmuseum Düsseldorf (2005). Zu seinen Auszeichnungen und Stipendien gehören das Berlin-Stipendium der Akademie der Künste, Berlin (2013), der Audi Art Award für „New Positions“ auf der Art Cologne (2010), der Adolf-Loos-Preis der van den Valentyn-Stiftung, Köln (als erster Preisträger überhaupt, 2008) und der Villa Romana-Preis, Florenz (2007).

Michail Pirgelis, ‘LOST’ (2022), installation view ‘HYLE’, Kunstraum Dornbirn 2026, Photo Günter Richard Wett, © Michail Pirgelis, courtesy of the artist/Sprüth Magers.
Michail Pirgelis, ‘HYLE’, Kunstraum Dornbirn 2026, Photo Günter Richard Wett, © Michail Pirgelis, courtesy of the artist/Sprüth Magers.
Michail Pirgelis, ‘HYLE’, Kunstraum Dornbirn 2026, Photo Günter Richard Wett, © Michail Pirgelis, courtesy of the artist/Sprüth Magers.
Michail Pirgelis, ‘HYLE’, Kunstraum Dornbirn 2026, Photo Günter Richard Wett, © Michail Pirgelis, courtesy of the artist/Sprüth Magers.
Michail Pirgelis, ‘Desert Star I’ and ‘Desert Star II’ (2022), installation view ‘HYLE’, Kunstraum Dornbirn 2026, Photo Günter Richard Wett, © Michail Pirgelis, courtesy of the artist/Sprüth Magers.
Michail Pirgelis, ‘Desert Star I’ and ‘Desert Star II’ (2022), installation view ‘HYLE’, Kunstraum Dornbirn 2026, Photo Günter Richard Wett, © Michail Pirgelis, courtesy of the artist/Sprüth Magers.
Michail Pirgelis, ‘HYLE’, Kunstraum Dornbirn 2026, Photo Günter Richard Wett, © Michail Pirgelis, courtesy of the artist/Sprüth Magers.
Michail Pirgelis, ‘HYLE’, Kunstraum Dornbirn 2026, Photo Günter Richard Wett, © Michail Pirgelis, courtesy of the artist/Sprüth Magers.
Michail Pirgelis, ‘HYLE’, Kunstraum Dornbirn 2026, Photo Günter Richard Wett, © Michail Pirgelis, courtesy of the artist/Sprüth Magers.
Michail Pirgelis, ‘HYLE’, Kunstraum Dornbirn 2026, Photo Günter Richard Wett, © Michail Pirgelis, courtesy of the artist/Sprüth Magers.
Michail Pirgelis, ‘HYLE’, Kunstraum Dornbirn 2026, Photo Günter Richard Wett, © Michail Pirgelis, courtesy of the artist/Sprüth Magers.
Michail Pirgelis, ‘Motor Guide’ (2019), installation view ‘HYLE’, Kunstraum Dornbirn 2026, Photo Günter Richard Wett, © Michail Pirgelis, courtesy of the artist/Sprüth Magers.
Michail Pirgelis, ‘HYLE’, Kunstraum Dornbirn 2026, Photo Günter Richard Wett, © Michail Pirgelis, courtesy of the artist/Sprüth Magers.

Einfach Kunst

Michail Pirgelis
HYLE

"Einfach Kunst" macht die Ausstellungen greifbar und gibt schnelle und spannende Einblicke in die jeweiligen Werke.

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Michail Pirgelis, „HYLE“, Kunstraum Dornbirn 2026, Foto Günter Richard Wett, © Michail Pirgelis, courtesy des Künstlers/Sprüth Magers.
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Michail Pirgelis, „HYLE“, Kunstraum Dornbirn 2026, Foto Günter Richard Wett, © Michail Pirgelis, courtesy des Künstlers/Sprüth Magers.
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Michail Pirgelis, „HYLE“, Kunstraum Dornbirn 2026, Foto Günter Richard Wett, © Michail Pirgelis, courtesy des Künstlers/Sprüth Magers.
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Michail Pirgelis, „LOST“ (2022), Installationsansicht „HYLE“, Kunstraum Dornbirn 2026, Foto Günter Richard Wett, © Michail Pirgelis, courtesy des Künstlers/Sprüth Magers.
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Michail Pirgelis, „Desert Star I“ und „Desert Star II“ (2022), Installationsansicht „HYLE“, Kunstraum Dornbirn 2026, Foto Günter Richard Wett, © Michail Pirgelis, courtesy des Künstlers/Sprüth Magers.
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Michail Pirgelis, „HYLE“, Kunstraum Dornbirn 2026, Foto Günter Richard Wett, © Michail Pirgelis, courtesy des Künstlers/Sprüth Magers.
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Michail Pirgelis, „HYLE“, Kunstraum Dornbirn 2026, Foto Günter Richard Wett, © Michail Pirgelis, courtesy des Künstlers/Sprüth Magers.
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Michail Pirgelis, „Motor Guide“ (2019), Installationsansicht „HYLE“, Kunstraum Dornbirn 2026, Foto Günter Richard Wett, © Michail Pirgelis, courtesy des Künstlers/Sprüth Magers.
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Michail Pirgelis, „HYLE“, Kunstraum Dornbirn 2026, Foto Günter Richard Wett, © Michail Pirgelis, courtesy des Künstlers/Sprüth Magers.
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