Aljoscha

Der ukrainisch russische Künstler Aljoscha konzipiert Skulpturen, Installationen und Interventionen nicht als gängige Kunstwerke sondern als futuristische Organismen im Sinne des Bioismus. Inspirationsquellen für sein Schaffen sind die Bio- und Gentechnologie. Er orientiert sich näher an den Naturwissenschaften und der Philosophie als an der Kunsttheorie. Im Kunstraum breiten sich seine mikrobiologischen „Organismen“ ungehindert aus und lassen eine raumfüllende, monumentale Skulptur entstehen.

 

Georg Elben

"b-meetings" Katalogtext 2012

Aljoschas Objekte reisen durch die Welt

Manchmal wirken sie wie lebendige Wesen, auch wenn man sicher weiß, dass es Plastiken aus Silikon sind, die ihre Form einem Gerüst, also einer Art Skelett verdanken. Aber mit der Wortwahl ist man schon bei einem Lebewesen, denn Tiere und Menschen haben ein Skelett, damit ihr Körper gehalten wird. Die Objekten von Aljoscha sind von der Malerei her abgeleitet; ursprünglich (und manchmal auch heute noch bei ganz kleinen Arbeiten) war es getrocknete Ölfarbe auf der Palette, die zu ersten Plastiken wuchsen, höchstens zwei bis drei Zentimeter groß.

Schnell kommt dem Betrachter die Assoziation, die Formen würden `wuchern` wie niedere Pflanzen, wie Flechten zum Beispiel, oder sie seien Ergebnisse synthetischer Biologie. Solche Assoziationen sind natürlich möglich, sie sind auch nicht falsch, aber sie führen vorbei an den kreativen Prozessen, in denen Kunst entsteht. Den Objekten von Aljoscha liegt ein Bauplan zugrunde, es sind komplexe Formen, die nach einer am Anfang stehenden Idee modelliert werden und demnach das Ergebnis von künstlerischen Entscheidungen sind, nicht das Resultat von durch Umweltbedingungen beeinflussten natürlichem Wachstum. Die geplante Harmonie und die handwerkliche Ausführung führen zu einem eigenen Charakter für jede Plastik. Der Künstler selbst spricht von „der Erfindung von Form als Wesen“, als würden die Objekte ein Eigenleben führen. Das tun sie durchaus, nachvollziehbar wird es, wenn sie auf Reisen gehen, aber dazu später mehr.

Farbe oder Silikon hat keine Steifigkeit und keine Standfestigkeit, um in filigranen Formen ab einer gewissen Größe die Schwerkraft überwinden zu können. Deshalb ist die Formgebung des tragenden Gerüstes die entscheidende Phase für die spätere Gestalt des Objektes. Meist handelt es sich hier um gebogenen Stahldraht, oder – für die an Aktionen beteiligten `reisenden Wesen` – um leichtere und auseinanderschraubbare Aluminiumstrukturen. Um diese Skelette wird dann Silikon Schicht für Schicht aufgetragen, gewissermaßen das Fleisch am Knochen, um im Bild der Natur zu bleiben. Das getupfte Auftragen des präzise eingefärbten Silikons entspricht dabei durchaus dem Prozess des Malens, auch mit den Phasen des Innehaltens, um das Material trocknen zu lassen.

Aljoscha zeichnet auch, sehr detailgetreu (er hat in der Ukraine Mathematik und Statistik studiert), aber immer erst dann, wenn die Plastiken schon fertig sind; es sind eigentlich Porträts seiner dreidimensionalen Arbeiten. Zur Vorbereitung braucht er keine Skizzen, und das skizzenhaft Flüchtige solcher Vorzeichnungen entspricht auch gar nicht seiner langsamen, aber eben dadurch sicheren Arbeitsweise. Jedes Detail, jeder Arbeitsfortschritt wird erst dann realisiert, wenn klar ist, dass es der richtige nächste Handgriff ist. So wachsen immer mehrere Objekte gleichzeitig im Atelier heran – die Analogien zur Natur, weiter oben in Frage gestellt, bleiben unabweisbar präsent, denn das Vexierspiel von Kultur und Natur ist für das Werk von Aljoscha ein zentrales Element.

In diesem Katalog sieht man Aljoschas Skulpturen in vielen alltäglichen Situationen, sie stehen  einfach da wie abgestellt, Erwachsene staunen bei ihrem Anblick oder Kinder spielen mit ihnen. Die Objekte begegnen der realen Welt, was nur möglich ist, wenn Kunst wie hier aus dem Atelier, aus der Galerie oder aus dem Museum herausgeholt und in den vielbeschworenen „öffentlichen Raum“ gebracht wird. Kunst wird heute in der Tradition der Moderne meist als etwas Autonomes betrachtet, das außerhalb des normalen Lebens stattfindet, also einen Schutzraum hat, der jedoch zugleich die Relevanz der Kunst im täglichen Leben minimiert. Diese Schutzzone, im positiven wie im negativen Sinn, gibt es nicht mehr, wenn Kunstwerke buchstäblich auf die Straße gesetzt werden. Die Fotos im Katalog dokumentieren diese Begegnungen, sie selbst sind jedoch keine Kunstwerke. Die Aktionen dagegen, bei denen Aljoscha seine Objekte im Straßenraum inszeniert und Reaktionen der Menschen provoziert, stehen in der kunsthistorischen Tradition von Performances, die besonders in den 1960er und 1970er Jahren wichtig waren und heute eine Renaissance erleben. Wenn eine Gruppe von weißen Objekten am Düsseldorfer Rheinufer zwischen vom Sturm umgeworfenen Bäumen gestellt wird, dann freuen sich einige Spaziergänger und ihre Hunde, aber es passiert voraussichtlich nicht sehr viel. Ganz anders bei den Fischern in Indien oder den weißgewandeten Santería-Anhänger auf Kuba: die Reaktionen reichen von ängstlich und neugierig bis hin zu gleichgültig oder sogar aggressiv. In diesen Situationen  rufen die Objekte von Aljoscha ihr gesamtes Potential ab, weil neben ihren plastischen Qualitäten auch ihre kommunikativen zur Geltung kommen. Es ist ein alter Wunsch der Künstler, mit den eigenen Arbeiten etwas zu bewirken, im Leben wahrgenommen zu werden und über den Ausstellungsraum hinaus zu strahlen – in diesem Buch kann der Betrachter sehen, wie es gelingen kann.

funiculus umbilicalis (Nabelschnur)

von Petra Weber- Schwenk

Aljoscha betrachtet seine Objekte als lebendige Wesen. Sie zeigen seine Suche, neue vielfältige und komplexe Lebensformen und eine Ästhetik zukünftigen organischen Lebens zu entwickeln. Seine Kunst steht in kreativem Dialog mit Naturwissenschaft und Philosophie. Für den Kirchenraum von St. Petri schafft er zum Thema funiculus umbilicalis (Nabelschnur) eine eigens dafür konzipierte Rauminstallation, inspiriert von Bildtafeln des Altars.

Die Kunst von Aljoscha, die dem Anspruch nach zukünftige Lebenwesen kreiert, berührt Visionen aktueller biologischer Forschung. Entwicklungen in der Gentechnik und der modernen Biomedizin werfen heute ethische Fragen auf, die uns alle herausfordern. Wer sind wir, als Menschen im Mitsein mit Tieren und anderen Lebewesen? Woran orientieren wir uns, wenn wir biotechnische Eingriffe in Mensch und Natur bewerten? Was dürfen wir? Gibt es einen Dialog zwischen Kunst, Naturwissenschaft und Religion, und welche Rolle spielt er?

Petra Weber- Schwenk