Inhalt
Mathias Kessler
The Taste of Discovery
Texte und Bilder zur Ausstellung
Zweisprachig (Deutsch/Englisch)
60 Seiten
Euro 19.- / SF4 30.-
ISBN 978-3-941185-71-5
erschienen im Verlag für moderne Kunst Nürnberg, 2009

Das Erlebte als Daseinsbeweis im Zeitalter nach der Natur
Schon lange sind die Zeichen eines sich wandelnden Klimas nicht zu überhören und zu übersehen. Die Polkappen schmelzen und die Gletscher in den Alpen haben längst begonnen zu verschwinden. Eine Springflut in Istanbul, Venedig unter Wasser, ein Tornado in Deutschland, jährlich schwere Überschwemmungen, Murenabgänge und Stürme bis hin zu Dächern, die unter der Schneelast zusammenbrechen, füllen die Schlagzeilen. Unser Weltklima scheint aus den Fugen geraten, die Reaktion der Hauptverursacher der Treibhausgase fällt jedoch nur zögerlich aus. Der Mensch wird trotz seiner Aneignung von dem, was unter Natur zumeist verstanden wird, an die Unbeherrschbarkeit der Naturgewalten erinnert. Und dies, obwohl wir bereits erfolgreich in den Verlauf des Wetters eingreifen und zumindest lokal Hagel abwehren können. Die US Armee sucht gar die Manipulation des Wetters als Kriegswaffe einzusetzen und mit Silbernitratstaub Starkregen zu erzeugen oder mit Methanbomben in 17 Kilometern Höhe Dunkelheit und Eiseskälte zu verursachen.
Schon seit dem Übergang von der Naturgeschichte zur Naturwissenschaft zu Beginn des 19. Jahrhunderts hat sich mit dem zunehmenden Zwang zur Objektivierung das Verhältnis des Menschen zur Natur radikal verändert. Die ursprüngliche, unberührte Natur wurde auf Expeditionen erkundet, von der menschlichen Kultur überformt und Teil unserer Umwelt. Natürlich Gewachsenes wurde und wird in der wissenschaftlichen Forschung zu imitieren gesucht und schließlich auch reproduziert. Die Gentechnologie schafft in wenigen Tagen neue Organismen, deren Entstehung aus evolutionärer Sicht Millionen Jahre benötigt hätte. Natur erscheint heute zumindest grundsätzlich technisch reproduzierbar. Bereits 1968 stellte Robert Smithson den Begriff Natur in Frage, indem er festhielt: „Natur ist nur eine weitere Fiktion des 18. und 19. Jahrhunderts “.1 Smithson entlarvt in dieser Aussage den Begriff der unberührten Natur als nicht einlösbar, da Natur erst durch die Rezeption des Menschen wahrgenommen und als solche bezeichnet wird, doch im selben Augenblick erschlossen ist, und somit jedes bekannte Stück Natur nicht mehr unberührt sein kann. Paradoxerweise wird heute jeder scheinbar unberührte Fleck Erde nach dessen Entdeckung zum touristischen Gemeinplatz ausgebeutet, um jenen, die die Ursprünglichkeit nicht nur suchen, sondern auch deren Existenz erwarten, die Vorstellung des Unberührten vorgaukeln zu können. …
Dieter Buchhart