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Jan Kopp "Das endlose Spiel / Le jeu sans fin"

"Das endlose Spiel / Le jeu sans fin"

Texte und Bilder zur Ausstellung
Dreisprachig (Deutsch/Französisch/Englisch)
60 Seiten
Euro 19.- / SF4 30.-
ISBN 978-3-869-840-307

erschienen im Verlag für moderne Kunst Nürnberg, 2010


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Die Ellipse vor Augen

Das endlose Spiel besteht aus elf jeweils elf Meter langen Foucaultschen Pendeln. In einem langsamen Hin und Her streifen die elf Pendelkörper regelmäßig ein weitläufiges, ellipsenförmiges Podest, das mit transparenten Glasmurmeln übersät ist. Von Zeit zu Zeit, ohne dass es möglich wäre, dies vorherzusehen, wird diese elegante, geräuschlose Vorrichtung gestört durch das sonore Klicken und Wegrollen einer Kugel; nämlich wenn diese von einem Pendel getroffen wurde, das auf seiner Bahn die Vertikale durchläuft. Da das Foucaultsche Pendel ein wissenschaftliches Gerät ist, das die Erdrotation verdeutlicht, markiert jede dieser sanften Kollisionen quasi die Begegnung zwischen einer unumstößlichen kosmischen Mechanik und einer zufälligen Konfiguration des Realen zu einem bestimmten Zeitpunkt. Und jede dieser sanften Kollisionen führt zu einer subtilen Veränderung ebendieses Realen, da sich der Kern der Installation exakt am Schauplatz dieses winzigen Ereignisses, am Punkt des Geschehens befindet. Jede Kollision verheißt die Entstehung von Sinn, im Übrigen unmittelbarer am erzeugten Geräusch zu erkennen als an seinem Schauspiel. Somit ist die eigentliche Triebfeder des Werkes das Warten auf das Ereignis, egal, ob dieses Ereignis nun stattfindet oder nicht.

Diese Erwartung ist eine Zeit in der Schwebe. Sie hätte ein möglicher Selbstzweck sein können, höchst poetisch und kontemplativ - hätte Jan Kopp nicht den Anspruch erhoben, dass Das endlose Spiel mehr ist als eine bloße Allegorie auf die Zeit und den Zufall. Besagte Schwebe erzeugt nämlich eine Verzerrung der Zeit, sie ist der Raum für die Erfahrung des Besuchers. Es ist eine subjektive Zeit ohne Maß, ein Negativabzug im linearen Ablauf der universalen Zeit, wie sie die rhythmische Schwingung der Pendel zeichnet. Der Platz der individuellen Erfahrung im Aufbau und in der Realisierung eines zu teilenden Raumes ist ein häufig wiederkehrendes Anliegen in Jan Kopps Arbeit. Indem er das Publikum regelmäßig einlädt, an Werken teilzuhaben, die ihren eigenen Schöpfungsprozess inszenieren, verwischt er die Grenzen zwischen den Rollen; neben dem Künstler lässt er den Besucher, neben dem Profi den Laien die Funktion des 'Operators' übernehmen. Die Erfahrung konkretisiert sich hier nicht in einer Geste, die der Autor voll unter Kontrolle hätte, sondern im Bewusstsein um ein paradoxes Raum-Zeit-Verhältnis, wo er nur Mitwirkender ist und wo seine Entscheidungsgewalt infrage gestellt wird. Ein Kunstprojekt, bei dem niemals die Behauptung maßgebend ist: Nach diesem Muster hinterfragt Das endlose Spiel den Erfahrungsbegriff - so wie ein Mikroereignis am Schnittpunkt zwischen Universalität und Einzigartigkeit, vor dem Hintergrund einer zeitgenössischen Gesellschaft, in welcher die Raum- und Zeitkonzepte relativ geworden sind.

Auszug Katalogtext von Olivier Grasser (Kurator)